Dr. Leonhard Kasek

freier Soziologe

Gutachten, Bildung
Umwelt, Arbeit & Politik

 

S-Bahn auf dem Friedhof

2011-11-04 12:18 von Leo (Kommentare: 0)



In den 2,5 kg Papier mit dem Entwurf des Leipziger
Flächennutzungsplanes findet sich auch eine Trasse für die Verlängerung der
S-Bahn von Grünau nach Markranstädt. ÖPNV-Ausbau das klingt gut, ist es aber in
diesem Fall nicht. Es fehlt an Platz. Die Trasse würde den Abriß einiger
Wohnhäuser am westlichen Ende des Auenweges nötig machen und auch ein einen
großen Teil des Friedhofes beanspruchen. Wie ein schwer überwindlicher Wall
würde sie die Miltitzer außerdem vom Naherholungsgebiet Kulkwitzer See
abschneiden. Davon abgesehen ist sie wirtschaftlich unnötig: Es gibt bereits
eine Bahnverbindung vom Hauptbahnhof nach Weißenfells über Markranstädt,
Fahrzeit HBF – Markranstädt ca. 20 Minuten. Der Leipziger Westen und Südwesten
sind per Bus (+ Umsteigen in die Straßenbahn, Fahrzeit Markranstädt – HBF ca.
45 bis 50 Minuten) sehr gut zu erreichen. Sollte der Bedarf wachsen, ließe sich
die Taktfrequenz der Regionalzüge oder die Routenführung der Busse entsprechend
anpassen. Das ist viel preiswerter als die Verlängerung der S-Bahnlinie. In
Grünau gibt es leider kaum Arbeitsplätze und auch Markranstädt hat keine großen
Unternehmen, die größere Mengen Arbeitskräfte aus Leipzig aufnehmen könnten.
Solche überflüssigen und sehr teuren Pläne sind bestens geeignet, den
notwendigen Ausbau des ÖPNV-Netzes in den Augen der Leipziger als unsinnige
Spinnerei zu verteufeln.



Als diese Pläne im Ortschaftsrat von Mitarbeitern des Amtes
für Stadtplanung vorgestellt worden sind, haben die Stadtplaner argumentiert,
wir sollten das doch bitte nicht so ernst nehmen. Vorläufig werde die Trasse
sowieso nicht gebaut und wenn sie dereinst gebaut würde, dann gebe es
technische Möglichkeiten, die genannten Probleme zu vermeiden. Was gemeint war,
wurde nicht gesagt. Ein Tunnel? Oder eine langgezogene Hochtrasse über
Wohnhäusern und Friedhof? Und das Geld? Haben die Damen und Herren im Rathaus
Informationen, dass unter der Trasse ein Goldschatz liegt?



Vor allem bei den Bewohnern des Auenweges und den Älteren,
deren Angehörige auf dem Friedhof liegen, haben diese Pläne große Unruhe
ausgelöst und wahrscheinlich wirken sie auch abschreckend auf potenzielle Bauherren
und Investoren.

Wenn die Stadtplaner sich in ihrer Kreativität unterfordert
fühlen, sollen sie Science Fiction- Romane schreiben und keine Horrorvisionen
zusammenspinnen, die bei den betroffnen Bewohnern Angst und Sorgen auslösen.
Aber vielleicht reicht es auch, den Stadtplanern einen Sandkasten zur Verfügung
zu stellen, in dem sie ihren Kreativitätsüberschuß ausleben können. Das ist
allemal billiger und erspart den Leipzigern unnötige Ängste.

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